Dem Nikolaus auf der Spur

Heute möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Sie beginnt in einem kleinen unscheinbaren Schuppen irgendwo im Hinterland des Bodensees. In genau diesem Schuppen hockte ein kleines Mädchen auf dem Boden. Es hieß Isla und trug eine dicke Mütze auf dem Kopf und ihre wärmsten Fäustlinge an den Händen. Auch ihre Winterjacke hatte sie sich angezogen, denn für das, was sie vorhatte, musste sie sich vor der Kälte schützen. Es war bereits Abend und die Nacht senkte sich über das Dörflein, in dem Isla lebte. Draußen war es mucksmäuschenstill und die ersten Schneeflocken dieses Winters rieselten zu Boden. Zu diesem Zeitpunkt lagen alle Kinder der Welt – oder zumindest alle, die Isla kannte – gespannt in ihren Betten. Alle außer Isla. Denn die saß, wie du schon weißt, in genau jenem Schuppen neben dem Haus, in dem sie mit ihrer Familie lebte, und wartete. Es war der 5. Dezember, der Tag vor Nikolaus. Vor allen Türen standen blank geputzte Stiefel. Die Kinder hatten sie gereinigt, damit der Nikolaus seine Geschenke hineinlegen konnte. Auch Isla und ihre Geschwistern hatten ihre Schuhe rausgestellt. Und trotzdem lag sie jetzt nicht in ihrem Bett.

Denn sie hatte einen Entschluss gefasst. Dieses Jahr würde sie herausfinden, ob es den Nikolaus wirklich gab. Bis vergangenes Jahr war sie noch davon überzeugt gewesen. Inzwischen war sie sich da nicht mehr so sicher. Immerhin war sie inzwischen sechs Jahre alt und ihr großer Bruder hatte in den vergangenen Wochen komische Andeutungen gemacht. Sie glaubte natürlich längst nicht alles, was er sagte. Aber der Sache mit dem Nikolaus, der wollte sie schon gern auf den Grund gehen.

Und deshalb kauerte sie da, mit einer dünnen Schnur in der Hand. Diese Schnur gehörte zu einer Falle, die sie gebaut hatte. Wenn der Nikolaus zu ihrem Haus gehen würde, dann würde Isla an der Schnur ziehen und ein großes Fischernetz würde auf den alten Mann hinunterfallen. Den ganzen Tag hatte sie daran gearbeitet, bis alles funktionierte. Ihr kleiner Bruder hatte dreimal den Nikolaus spielen müssen, um zu testen, ob die Falle auch wirklich funktionierte. Erst beim dritten Mal hatte es geklappt, das Netz war genau auf ihm gelandet und es hatte mindestens zehn Minuten gedauert, bis Isla ihn wieder aus dem Netz befreit hatte. Sehr effektiv also, diese Falle.

Doch das war inzwischen einige Stunden her. Bei Tageslicht war ihr der Plan noch sehr sinnvoll erschienen. Doch inzwischen war es zappenduster draußen und im Schuppen war es bitterkalt. Ein eisiger Windstoß nach dem anderen fegte durch die zerschlagenen Fenster herein, wirbelte einmal um Isla herum und verschwand durch die klapprige Holztür wieder in der Dunkelheit. Es wurde später und später. Der Schnee fiel immer dichter und Isla begann zu schlottern. So hatte sie sich das mit der Falle nicht vorgestellt. Sie war kurz davor, ihren Plan aufzugeben und doch endlich in ihr warmes, weiches Bett zu krabbeln.

Doch plötzlich hörte sie das Knirschen von Schnee, das man immer hört, wenn jemand auf einer verschneiten Straße läuft. Isla hielt den Atem an. Ein alter Mann lief auf die Haustür ihrer Familie zu. Sie konnte ihn nicht gut erkennen, aber er trug einen Sack über der Schulter. Isla wagte kaum, zu atmen, und schloss ihre Hand fest um die Schnur. Noch ein paar Meter musste der Nikolaus gehen, dann würde sie ziehen.

Jetzt! Der Mann stand genau an der richtigen Stelle. Ein Zug an der Schnur, und das Netz würde herunterfallen und ihn gefangen nehmen. Dann könnte Isla ihrem großen Bruder endlich beweisen, dass es den Nikolaus wahrhaftig gab. Was der wohl für Augen machen würde!

Doch weißt du, was tatsächlich passierte? Isla schoss ein ganz anderer Gedanke als „Jetzt!“ durch den Kopf! Nämlich: „Warum eigentlich?“. Ganz plötzlich wurde ihr nämlich klar, dass sie die Antwort auf ihre Frage doch schon hatte. Den Nikolaus gab es wirklich! Sie hatte ihn mit eigenen Augen gesehen. Wollte sie ihm wirklich solch einen Schrecken einjagen und ihn einfangen wie ein Tier? Nur, weil ihr Bruder versucht hatte, sie zu verunsichern?

Isla legte das Seil beiseite und schlich zur Tür des Schuppens. Sie beobachtete, wie der Nikolaus die Stiefel, die sie mit ihren Geschwistern aufgestellt hatte, mit Süßigkeiten füllte. Dann nahm er den Keks, den sie extra für ihn auf einen Teller danebengelegt hatte, und biss hinein. Er lächelte, dann nahm er den Sack wieder auf seinen Rücken und fing an, Richtung Straße zu gehen. Doch kurz, bevor er im Schneetreiben verschwand, blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und blickte genau in Islas Richtung. Hatte er ihr etwa kurz zugewunken? Das war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Isla schlug das Herz bis zum Hals. Doch dann ging der alte Mann weiter und verschwand auf demselben Weg, auf dem er gekommen war, in der Dunkelheit.

Ihre Mutter sagte immer: „Im Leben macht man etwas immer zwei Mal.“ Das stimmte vielleicht. Fast. Denn dem Nikolaus eine Falle stellen, dass würde sie ganz sicher nicht noch einmal machen.

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  • Eine wunderschöne Nikolausgeschichte!

    Eine wunderschöne Nikolausgeschichte, stimmig, rund, es hat mir Freude gemacht, sie zu lesen - obwohl ich schon lange erwachsen bin! Der besondere Zauber vor dem Nikolausabend ist in dieser ungewöhnlichen Erzählung eingefangen.

  • Lesen beruhigt

    Einfach spannend